36 Jahre Zusammenarbeit mit Creditreform

Frau Berger, Sie sind als frisch gebackene Rechtsanwältin 1984 in den Vorstand des Verbandes Creditreform gewählt worden. Was hat Sie damals bewogen, sich zu engagieren?

Yolanda Berger: Die Region Basel war durch einen älteren Berufskollegen im Vorstand vertreten, der mich als Nachfolgerin vorgeschlagen hat. Ich hatte keine besonderen Beziehungen zur Auskunfts- und Inkassobranche, war aber sofort interessiert, da ich eine sehr vielseitige Tätigkeit auf mich zukommen sah, falls ich gewählt würde. Es folgte ein längeres Gespräch mit dem damaligen Vizepräsidenten Willy Egeli. Er war so mutig, der Delegiertenversammlung eine Frau als Kandidatin zu präsentieren. Anfangs der 80-er Jahre war dies noch keineswegs selbstverständlich. Die Frauen bildeten damals sowohl in der Advokatur als auch in den Führungsetagen der Wirtschaft eine kleine Minderheit. Eines von acht Mitgliedern der Basler Advokatenkammer war weiblich. Die Wahl ging zu meiner Erleichterung ohne grosse Nebengeräusche über die Bühne.

Welche Rolle haben Sie im Vorstand gespielt?

Mein Vorgänger im Vorstand war ebenfalls Anwalt, und es bestand der Wunsch nach einem Nachfolger oder eben einer Nachfolgerin aus dem gleichen Berufsstand. Die Entwicklung der Gesetzgebung brachte einen wachsenden Bedarf an juristischer Beratung mit sich. Unter anderem zeichneten sich erste Umrisse einer eigentlichen Datenschutzgesetzgebung ab, von der erhebliche Auswirkungen auf die Tätigkeit der Kreditauskunfteien erwartet wurden. Das Datenschutzgesetz ist 1993 in Kraft getreten. Ich kann feststellen, dass der Verband in der Lage war, sicher durch zeitweise recht stürmische juristische Gewässer zu navigieren, und ich freue mich über den Beitrag, den ich dazu leisten durfte. Es ist uns gelungen, den Verband erfolgreich aus langwierigen und teuren rechtlichen Auseinandersetzungen herauszuhalten.

Sie waren auch die einzige Frau im Vorstand.

Ja, später sind dann zwei weitere Frauen dazu gestossen, mit meinem Rücktritt wird es wieder nur eine sein. Das ist aber mehr dem Zufall geschuldet. Ich kann sagen, dass ich im Vorstand von Anfang an willkommen geheissen und als "juristisches Gewissen" stets mit Achtung und Respekt behandelt worden bin.

Wenn Sie einen Zeitsprung zurück ins Jahr 1984 machen und den Vergleich mit 2020 ziehen. Wie hat sich der Verband Creditreform in diesem Zeitraum entwickelt?

Es ist praktisch kein Stein auf dem anderen geblieben. Es gab zwei wesentliche Entwicklungen, die die Epoche nach meinem Amtsantritt geprägt haben: die Digitalisierung und der Datenschutz. Hätte der Verband diese Herausforderungen damals nicht angenommen, würde er heute vermutlich nicht mehr existieren.

Online erteilte Bonitätsauskünfte sind heute Standard. Wie hat das 1984 funktioniert?

Die Auskünfte wurden in den Kreisbüros aus Karteikästen zusammengestellt und mit Schreibmaschine getippt. Das war nicht nur personalintensiv, sondern auch wenig kundenfreundlich, da oft Tage vergingen, bis die Auskunft beim Empfänger ankam. Die Digitalisierung war unabdingbar, da auch die Konkurrenz entsprechend aufrüstete. Die Umstellung erforderte grosse Investitionen, die sich aber zweifellos bezahlt gemacht haben. Mit der digitalen Datenverarbeitung ging die Zentralisierung sämtlicher Datenbanken einher. Diese stiess nicht bei allen Geschäftsführern auf Begeisterung. Bis Mitte der 80-er Jahre führte jedes Kreisbüro seine eigene Kartei. Ziel war es, die Daten im Rahmen der Digitalisierung zu vereinheitlichen. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit vor allem von Willy Egeli, dem damaligen Präsidenten, um alle Geschäftsführer ins Boot zu holen und die Kreisgebiete zu reorganisieren, da zu kleine Büros die hohen Investitionen nicht hätten stemmen können. Nach und nach wurden regionale Büros zusammengelegt, bis alle eine Chance auf längerfristiges Überleben hatten. Das ging nicht schmerzfrei, aber immer ohne böses Blut über die Bühne.

Das Datenschutzgesetz trat am 1. Juli 1993 in Kraft. Da war Ihr juristischer Sachverstand gefragt.

Der Datenschutz war von Anfang an einer der Schwerpunkte meiner Vorstandstätigkeit. Ab Mitte der 1980-er Jahre begann der Vorstand mit den Vorbereitungsarbeiten, die im Ergebnis zu einem umfassenden Umbau der Verbandstätigkeit führten. Die Kreisbüros mussten liebgewordene Gewohnheiten und Arbeitsweisen aufgeben und ein einheitliches Datenschutzregime einführen, das den gesetzlichen Vorgaben entsprach. Datenschutzfragen haben mich in meiner gesamten Tätigkeit im Vorstand begleitet. Vom Umfang her fast ebenso bedeutend war die Abfassung von Vernehmlassungen zu den zahlreichen Gesetzesvorlagen, die den Verband direkt oder indirekt betrafen. Da der Verband sich zunehmend auf die Bedürfnisse grosser Kunden und auf internationale Kooperationen auszurichten begann, nahm auch das Vertragswesen erheblich an Bedeutung zu.

Was hat sich denn nicht verändert?

Das kollegiale Klima im Vorstand, und die gute Zusammenarbeit mit den Leitungsgremien des Verbandes. Natürlich gab es im Vorstand in all den Jahren auch Meinungsverschiedenheiten; die aber in aller Regel fair und sachbezogen ausgetragen wurden. Ich habe immer gern an den Sitzungen teilgenommen.

Ist der Verband Creditreform gerüstet für die Zukunft?

Der Verband wird sehr professionell geführt, er ist auch auf der politischen Bühne regelmässig präsent und engagiert sich intensiv für die Anliegen der Gläubiger. Wir sind der einzige Verband, der zum Ziel hat, die Gläubigerinteressen branchenunabhängig in der Politik einzubringen. Das sind in meinen Augen sehr gute Voraussetzungen.

Was sind die grossen Herausforderungen?

Abgesehen von einer wachsenden Konkurrenz mit rein synthetischen Auskunftsprodukten ist aktuell sicher die Datenschutzgesetzgebung zu nennen. Die Datenschutz-Grundverordnung der Europäischen Union wirkt sich aufgrund der internationalen Verflechtungen der Schweiz auch hier-zulande stark aus. Zudem ist der Erlass von Politik und Verwaltung rege als Vorlage für die anstehende Revision des Schweizerischen Datenschutzgesetzes benutzt worden. Mit der Datenschutz-Grundverordnung hat die EU der mittelständischen Wirtschaft einen grossen Aufwand beschert, dessen Verhältnismässigkeit durchaus in Frage gestellt werden kann. Das eigentliche Ziel waren die grossen Datenverarbeiter à la Facebook und Google, de facto haben aber einmal mehr die KMU unter den erheblichen bürokratischen Lasten zu leiden, die die EU hier geschaffen hat. Falls das Parlament im Rahmen der anstehenden Revision jetzt noch einen "Swiss Finish" draufsetzt - was vor allem von den praxisferneren Vertretern der Linksparteien immer wieder versucht wird - könnte es für die Wirtschaftsauskunfteien irgendwann schwierig werden. Im Moment entsteht der Eindruck, dass weder das Parlament noch die Verwaltung sich wirklich über die volkswirtschaftliche Bedeutung eines einfachen Zugangs zu Bonitäts- und sonstigen geschäftsrelevanten Informationen im Klaren sind.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger?

Ich war immer der Meinung, dass die Neuen ihren eigenen Weg gehen sollen, wenn die Alten abtreten. Das schliesst auch mich ein, und ich belasse es dabei. In diesem Sinne ist mein Wunsch einfach: Macht‘s weiterhin gut.

Urs Fitze

Zur Person:

Yolanda Berger, Jahrgang 1954, arbeitet seit 1983 als Rechtsanwältin, seit 2000 als Partnerin in der Kanzlei Berger Walz Advokaten in Basel. Sie ist nach wie vor beruflich aktiv, hat sich aber aus der Bearbeitung von Gerichtsfällen zurückgezogen und ist nur noch beratend und als nebenamtliche Richterin am Zivilgericht Basel-Stadt tätig. Fast so lange wie als Rechtsanwältin hat sie im Vorstand des Verbandes Creditreform gewirkt, seit 1984 als Mitglied, ab 1992 als Vize-Präsidentin. Ihr Rücktritt ist Teil eines persönlichen Fahrplans, beruflich kürzer zu treten, um sich vermehrt anderen, zum Teil lange vernachlässigten Interessen widmen zu können.

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