CreFORUM 2018

Mit neuer Kultur und neuen Werten Lücken aufspüren


Wie entwickelt sich der Datenschutz in der Schweiz nach der Gesetzeslösung in der EU? Wie können sich Unternehmungen die Digitalisierung nutzbar machen, und wie erkennt man frühzeitig Konkursreiterei? Dies waren die zentralen Fragen am CreFORUM in Zürich.

(Urs Fitze) Das CreFORUM bietet neben Sachinformation am Apéro Riche Gelegenheit zum Gedankenaustausch.
Nicht nur die Genossenschaftsmitglieder der Creditreform, auch Vereine oder Private, kurz: die ganze Gesellschaft wird von der Reform des Datenschutzgesetzes betroffen sein. Deshalb informierte Raoul Egeli, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Creditreform, die Forumsteilnehmenden über den aktuellen Stand der Beratungen bei der staatspolitischen Kommission des Nationalrates. Nachdem der erste Entwurf überarbeitet wurde, gab es aus Sicht der Gewerbetreibenden und ihren geschäftlichen Interessen noch immer 80 Änderungsvorschläge. Zehn wichtige pickte Egeli heraus. Sein Gesamturteil: „Man sollte dieses Flickwerk abbrechen und ganz neu bauen. Leider ist dies in Anbetracht der Entwicklung in der EU nicht mehr möglich. Es geht zu sehr in die Tiefe und lässt das Verständnis für Chancen und Gefahren der Digitalisierung vermissen." Bei einem neuen Datenschutzgesetz werde es nicht bleiben, da auch die E-Privacy-Verordnung in den regulatorischen Startlöchern stecke. „Die Schweiz brächte  ein Datenschutzgesetz mit exterritorialer Wirkung“, forderte Egeli. Das Grundproblem ist bekannt. Man schlägt den Sack, der in diesem Fall kleinere Unternehmen sind, und meint den Esel, nämlich Facebook, Google & Co. Kollateralschäden für kleinere Unternehmen sind die Verteuerung von Geschäftsabläufen, oft absurde Absicherungsvorschriften. Die grossen Unternehmen verfügen über die entsprechenden juristischen Ressourcen – nicht aber die Kleinen.

Raoul Egli schlägt vor den Geltungsbereich nicht auf natürliche Personen als Ganzes, sondern nur auf die Konsumenten anzuwenden. Denn dies sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Neu muss man beim Profiling, also beim Datenerheben, die Betroffenen informieren, beziehungsweise die Einwilligung einholen. Ein Unternehmen muss den  Aufenthaltsort kennen und die Bonität eines Kunden abklären können. Doch auch dies soll behindert werden. Die geplante Strafkompetenz des Datenschutzbeauftragten kritisierte Raoul Egeli scharf. Diese gehörten in die Kompetenz der Gerichte. Ebenfalls lehnt er die Befugnisse des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, Leitfäden zu erlassen, ab, weil diese schnell zur Richtschnur für die Rechtsprechung werden könnten. Prononciert äusserte er sich gegen eine Gebührenerhebung. „Staatliche Aufgaben sollten nicht noch extra bezahlt werden müssen.“ Ausserdem müssten die Strafbestimmungen aus dem Gesetz raus. Diesbezüglich sei innerhalb der EU ein Spielraum vorhanden. Die Länder haben sehr unterschiedliche Ausführungsbestimmungen in Kraft gesetzt. „Auf jeden Fall ist der Datenschutzbeauftragte keine Strafbehörde. Sanktionen gehören vor Gericht“, fordert Raoul Egeli. Ein kostenloses Klagerecht findet der Creditreform-Präsident bedenklich, zudem könnte das Auskunftsrecht zur rechtsmissbräuchlichen Beweismittelbeschaffung missbraucht werden.. Raoul Egeli: „Konkret heisst dies, jedes einzelne Dokument müsste vor der Herausgabe einzeln dahingehend geprüft werden, dass nicht die Persönlichkeitsrechte einer anderen Person verletzt werden.“

Mit falscher Unternehmenskultur brechen

Im Anschluss an Raoul Egelis Exkurs in die Welt künftiger Anforderungen an Datenschutz und Bürokratie gab der Münchner Digitalexperte Dr. Michael Sauter den Teilnehmern einen Einblick in die Anforderungen an zukunftsfähige Unternehmenskulturen. Doch ist die Wirtschaft für die digitale Herausforderung fit? Grosse Konzerne in Deutschland tun sich schwer damit, wie etwa Beispiele der Automobil- oder Bankbranche zeigen. Die aktuellen Kulturen stehen dem Wandel oft noch entgegen. Im Hinblick auf den Dieselskandal sagte Sauter: „Es war in einigen Unternehmen offenbar in Ordnung, Gesetze zu brechen, aber es war nicht  in Ordnung, intern offen zuzugeben, dass man die rechtlichen Vorschriften nicht in der erforderlichen Geschwindigkeit erfüllen konnte. Hier scheint das Wertegerüst der Organisation nicht tragfähig für die Zukunft.“ Den Zuhörern präsentierte der Münchner die VUCA-Welt. Das Akronym steht für Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity, was mit stetem Wandel, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit übersetzt werden kann und die aktuellen Rahmenbedingungen der digitalen Welt zusammenfasst. Michael Sauter hilft mit seiner Firma "Brainbirds" Unternehmern und Managern, ihre Unternehmenskulturen weiter zu entwickeln, eigene Werte und Stärken zu entwickeln, herauszufinden, wo sich Blockaden befinden und Fähigkeiten für verändertes Führungsverhalten sowie agile Arbeitsweisen für den Alltag aufzubauen. Konsequentes Veränderungsmanagement bedeutet, mit neuer Kultur und neuen Werten Lücken aufzuspüren und dort unternehmerisch tätig zu werden, wo der Wandel für die Zukunftsfähigkeit dringend erforderlich ist

Der Münchner Digitalexperte Michael Sauter erläuterte den Teilnehmern die Gedankengänge einer neuen Unternehmenskultur.

Bedürfnis mit Onlineversand gedeckt

(Martin Arnold) Beispielhaft dafür stehen Tobias Zingg und Christoph Müller aus St. Gallen, die die Initiative ihrer Frauen aufnahmen und zu viert den Onlineversand Stadtlandkind gründeten. Zuerst verkauften sie Babykleider von guter Qualität. Tobias Zingg: "Wir analysierten das Angebot. Es war dürftig. Für uns gab es Platz."
Nach Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich das Geschäft immer besser. Es kamen Eigenmarken hinzu, Mode für Erwachsene und Accessoires. Heute tritt das Doppelfamilienunternehmen als Online Concept Store für die ganze Familie auf und zählt zehn Mitarbeiter. Das Referat der Firmengründer ist ein gutes Beispiel für den Mentalitätswechsel, den es in der Wirtschaft braucht.
Der Münchner Michael Sauter: "Während man früher bei Kopfschmerzen einfach eine Tablette gegeben hat, fragt man heute, wer im Raum auch noch Kopfschmerzen hat, man geht der Ursache nach und findet dann die richtige Lösung." Auf die Wirtschaft übertragen hiesse das, man klärt sehr tief die Bedürfnisse ab und entwickelt dann ein Produkt, das angepasst sei.
Design Thinking sei eine neue Herangehensweise bei der Produktentwicklung. Zudem brauche es den Mut, Produkte schon herauszubringen, wenn sie noch nicht perfekt seien. Denn wenn sie perfekt sind, ist es oft schon zu spät. Build, measure, learn heissen die entsprechenden Zauberwörter. Also bauen und verkaufen, gleichzeitig messen und prüfen und aus den Kinderkrankheiten lernen. Ob die Konsumentinnen und Konsumenten das auch so begeistert sehen, liess Michael Sauter in seinem Vortrag offen. Neu integrierten die Veranstalter einen kurzen Workshop in das CreFORUM. Dabei ging es darum, dass die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Beispiel der in Schieflage geratenen Messe Baselworld Vorschläge erarbeiteten, um den Turnaround zu schaffen. Im Wesentlichen zielten die Lösungsvorschläge darauf ab, weniger auf Spitzenarchitektur zu schielen, sondern den Besuchern und Ausstellern zuzuhören. Das ist zwar alter Wein in neuen Schläuchen, aber manchmal ist er immer noch der Beste.

Konkursreiterei

Senad Sakic, Dienstchef der Ermittlungsabteilung Wirtschaftskriminalität der Kantonspolizei Zürich, führte in die Welt der Konkursreiter ein.

(ma) Senad Sakic ist Dienstchef der Ermittlungsabteilung Wirtschaftskriminalität der Kantonspolizei Zürich. Seine Abteilung beschäftigt sich immer häufiger mit dreisten Konkursen, die systematisch betrieben werden. Der Schaden dürfte mittlerweile landesweit die Milliardengrenze erreichen. Deshalb verdient die Konkursreiterei die volle Aufmerksamkeit aller mit der Bonität von Firmen beschäftigten. Eine zentrale Rolle spielen Vermittler, ein Unternehmer, der in Schieflage geraten ist und ein Endorgan, oft eine randständige Person. Der Vermittler organisiert scheinbar die Abwicklung eines drohenden Konkurses, das  Endorgan übernimmt aber die Firma, bestellt auf Teufel komm raus Güter, die wieder verkauft werden und hinterlässt einen dramatisch angewachsenen Schuldenberg als Konkursmasse. Das Vorgehen ist zwar als Misswirtschaft strafbar, wird aber nur verfolgt, wenn tatsächlich der Konkurs eröffnet wird. Die Strafanzeige erfolgt dann in jedem Fall. Konkursanträge werden in diesen Fällen aber häufig mangels Konkursmasse nicht gestellt. Die Konkursreiter kommen dann ungeschoren davon.

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